Statement eines unbequemen Lehrers

Als Ex-Lehrer gebe ich gerne Kollegen eine Plattform, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Heute also eine weiterer Blick auf die Schule und den heutigen Wahnsinn, aufgeschrieben von einem Kollegen. Eine besondere Freude war es mir, den Text zu veröffentlichen, weil ich mich über weite Strecken darin wiederfinde…


Ich werde nächstes Jahr ein Jubiläum feiern; vielleicht – vielleicht auch nicht! Ich bin …, Lehrer für Musik, Englisch und was so anfällt, an einer Volksschule in Norddeutschland. Eigentlich wollte ich Rockstar werden, bin dann in das vermeintlich ruhige Fahrwasser des Lehrerdaseins geschlittert. Das erwies sich als Glück, der Job wurde meine Berufung. Ich liebe es, mit Jugendlichen zu arbeiten. Wir begegnen uns auf Augenhöhe, meine Schüler schätzen das sehr. Wir lachen viel, respektieren einander, besprechen alles offen, was sich in der Welt abspielt. Wir lernen gemeinsam, ohne Angst an die Dinge heranzugehen. Angst ist ein gefährlicher Berater. Meine Schüler wissen, dass ich manchmal merkwürdige Meinungen und Sichtweisen vertrete, wissen aber auch, dass keiner die übernehmen muss. Sie verstehen, dass es sich um Angebote handelt, mehr nicht. Ich denke, sie freuen sich, dass ihnen Souveränität zugestanden wird. Ich lerne seit über 25 Jahren, wie es ist, Menschen anzunehmen und angenommen zu werden. Es ist ein geiler Job!

Manchmal denke ich, dass Jugendliche immer noch Engel sind, ein Zustand, der mit dem Eintritt in die Arbeitswelt dann leider schnell verschwindet. Ist aber nur meine Meinung. Mein Vater war ebenfalls Lehrer, im Alter von 30 Jahren dann schon Schulleiter. Von ihm habe ich vieles gelernt: Dass es sinnvoller (wenn auch langwieriger) ist, Menschen (egal welchen Alters) zu überzeugen, als sie zu überreden. Dass es kontraproduktiv ist, Menschen zu bedrängen, zu belehren oder gar zu gängeln. Dass man immer als Vorbild fungiert und dann Menschen im besten Falle das, was sie als positiv empfinden, nachahmen. Dass Ruhe und Aufrichtigkeit stärker wirken, als Machtdemonstrationen. Und letztlich, dass man nicht jeden erreichen kann, dass man demütig die eigenen Grenzen der Einflussnahme erkennt.

Als mein Vater in den Ruhestand ging, bekam er von jedem Mitarbeiter eine rote Rose und von jeder Kollegin ein Küsschen. Es flossen viele Tränen. Bei ihm und bei seinen Mitarbeitern. Seine letzten offiziell gesprochenen Worte waren. „Nun hat der Affe genug Zucker bekommen!“ Mein Vater hat seine Schule 25 Jahre lang sauber, mit Herz und Weisheit geleitet, heute ist an der Stelle, wo er sein Lebenswerk vollbracht hat, ein Parkplatz…

Auch sein Vater war schon Lehrer. Er machte 1922 seine Prüfung im Alter von 22 Jahren. 1930 wurde er zum Schulleiter einer kleinen Dorfschule in Pommern ernannt, die er 12 Jahre lang leitete. Nach dem Krieg musste er drei Jahre Berufsverbot erdulden. Ich habe ihn nie kennengelernt, er starb, als ich zwei Jahre alt war.

Neulich habe ich die zu seiner Pensionierung gehaltene Abschiedsrede gefunden. Dort steht u.a.: „…er [war] ein vorbildlicher, gewissenhafter und treuer Lehrer und Erzieher der Jugend. Es [gab] kein Hin und Her, in seiner Methode war er einfach und klar und in seinem Urteil unbestechlich und treffend, streng aber gerecht. … Er hat sich die Liebe und das Vertrauen seiner Schüler und deren Eltern erworben.“

Ich hatte Tränen in den Augen, als ich das las… Diese Worte trafen genauso auch auf meinen Vater zu. Und – vielleicht mit einigen Abstrichen – auch auf mich. Viele der oben benutzten Beschreibungen werden mir nachgesagt; Im kommenden Jahr feiere ich also 100 Jahre Lehrerdasein in meiner Familie. Vielleicht, nur vielleicht, denn…

Ich weiß nicht, ob ich auch im nächsten Jahr Lehrer sein darf oder bleiben kann. Es mag sein, dass mir ein Berufsverbot auferlegt wird, es mag aber ebenfalls sein, dass ich aus ethischen Gründen diesen von mir so geliebten Beruf nicht mehr ausüben will.

„Vorbildlich“ ist heute nur noch jemand, der den Verordnungen des Kultusministeriums und den Vorgaben der Politik – so absurd und menschenverachtend sie sein mögen – folgt, ohne diese zu hinterfragen, oder (Gott bewahre!) mit der eigenen Moral abzugleichen. Das Vorbild, als Muster für redliches, ehrenhaftes Verhalten spielt keine Rolle mehr.„Gewissenhaft“ steht heute für die gedankenlose Umsetzung aller vorgegebenen Maßgaben und hat nichts mehr mit der inneren Stimme, der eigenen Weisheit oder Lebenserfahrung zu tun. Das eigene Gewissen ist ersetzt durch das Gewissen der Obrigkeit. Man folgt ja nur Befehlen, da ist das eigene Gewissen fein raus.

„Treue“ im Sinne des „sich-treu-Bleibens“, vielleicht auch im Sinne des Festhaltens an den Glauben, dass die eigenen Schüler treu über Jahre hinweg geschützt, gepflegt und begleitet werden müssen, verschwindet aus der pädagogischen Wahrnehmung. Arbeiten wir denn nicht mit Menschen? Oder produzieren wir nur zukünftige Teilnehmer des Wirtschaftssystems? Treue gegenüber den Schülern, den eigenen Idealen wird ersetzt durch Systemtreue.

„Strenge“, „Gerechtigkeit“, Unbestechlichkeit“ sind nur noch leere Hülsen, die zu Geschossen rechten Gedankenguts umgeformt werden, wenn sie konsequent durchgesetzt werden. Und kostet es nicht Kraft und Mühe, diese Qualitäten täglich von sich einzufordern?

Was die Liebe und das Vertrauen der Schüler und der Eltern angeht, so kann ich von mir behaupten, dass ich diese oft (sicherlich nicht immer) erworben habe. Und zwar, genau wie mein Großvater durch die genannten Werte.

Diese Rede für meinen Großvater ist genau 61 Jahre alt, die damals beschriebenen Werte sind in der heutigen Zeit wenn nicht ausgehöhlt, so doch sinnentleert worden.

Was bedeutet das für mich? Im Dezember des Jahres 2021 bin ich ein Außenseiter. Im Kollegium, nicht bei den Schülern. Ich bin ungeimpft, genau wie die Hälfte meiner Klasse. Wir respektieren einander, wissen, dass jeder Mensch seine eigenen Entscheidungen treffen soll und muss. Der freie Wille ist dem Menschen von Gott gegeben, jede Einschränkung desselben muss wohl abgewogen werden. Heute wird er verhökert wie Waschlappen auf einem Markt.

Man erkennt die Entscheidungen des anderen nicht mehr an, nein, er wird diskriminiert, wenn er der Einheitsmeinung widerspricht. Bedeutet Demokratie denn immer 100% Zustimmung?

Strafmaßnahmen, die uns Impfunwillige unter Druck setzen sollen, werden begrüßt. Entmenschlichende Methoden wie eine Maskenpflicht oder unnütze „Selbsttests“ werden als (von oben vorgegeben) unhinterfragt durchgedrückt. Man fördert das Denunziantentum von staatlicher Seite. Der von der Politik vorgegebene Panikmodus schürt Ausgrenzung und Volksverhetzung. Wo ist das Vorbild, wo das Gewissen meiner heutigen Kollegen? Ich weiß es nicht…

Und so stehe ich im Zentrum eines gesellschaftlichen Wahns, vor dem ich meine Schüler seit über einem Jahr zu bewahren trachtete. Doch dieser Wahn, diese Hetze, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, sondern mit purer Ideologie drängen mich ins Abseits. Und mir – einem gesunden Menschen mit einer ehrenhaften Berufung, für den die Menschwerdung im Zentrum des Seins und Handelns steht – mir droht ein Berufsverbot.

Ich werde standhaft bleiben, werde mich keinem Druck beugen. Mich leitet mein Gewissen und meine innere Stimme. Ich bin es meinem Vater und meinem Großvater schuldig, die ihr Leben lang „Vorbildlichkeit“ und „Gewissenhaftigkeit“, „Treue“ und „Unbestechlichkeit“ auf ihr Banner geschrieben hatten. Weder Krieg, noch Vertreibung, weder Berufsverbot noch der Hunger der Nachkriegszeit und auch nicht vier verschiedene politische Systeme haben es vollbracht, diese beiden Menschen zu verbiegen. In mir ist deren sture Geist der Rechtschaffenheit lebendig und auch der gesunde Menschenverstand, den mein anderer Großvater, ein Handwerksmeister, mir mitgegeben hat.

Ich kann nicht anders – und will es auch gar nicht!

Der unbekannte Lehrer

 

4 Kommentare

  1. Danke!
    Auch ich arbeite als Heilpädagogin an einer Schule, bin nicht geimpft, werde aber bislang nicht bedrängt, auch nicht von der Schulleitung, die es weiß. Viele Kollegen (ich verzichte bewußt auf die Genderform!) wissen es nicht. Die meisten, der bisher noch nicht geimpften Kollegen haben sich jetzt impfen lassen, nicht aus Überzeugung, sondern wegen verschiedener Einschränkungen. Auch ich will mich nicht impfen lassen. Wenn ich freigestellt werde, werde ich mich an den Rechtsschutz wenden. Zur Not mach ich Putzfrau, um meine wenigen Jahre bis zur Rente noch zu erfüllen.
    Ich finde Ihre Grundeinstellung sehr stark und es ermutigt mich weiter festzustehen.
    Einmal werden alle die Lügen und aller Frevel, der heute so mächtig aufblüht in sich zusammenbrechen. Davon bin ich fest überzeugt. Dann werden jene beschämt sein, die heute den Ideologien gehorsasm folgen, ohne, wie Sie schreiben, ihren eigenen Verstand eingesetzt haben oder der Angst gefolgt sind.

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